Zwischen Fremdgehen und Ekstase

Der bewegte Mensch

Für einen Mann ist wohl die äußerste ekstatische Überschreitung alltäglicher Beeindruckung, über die zu sprechen ihm noch möglich ist, das Einverständnis in seine Zerstörung, als „Tanz am Abgrund“. (Über den Vorgang der Geburt zu sprechen, als die ganz andere Form von Ein- und Aus-Druck, bleibt dagegen Frauen vorbehalten.)

An der Schwelle zur Zerstörung ist zugleich größtmögliche Freiheit in überlieferter Bedeutung möglich: nämlich Liebe. Der Tod, der unmittelbar jenseits dieser Grenze der äußersten Freiheit, des äußersten Begehrens, eintritt, wird Opfer genannt und ist dem Freien vorbehalten. Wer einmal diesen Moment äußerster Hingabe erlebt hat, weiss darüber zu berichten, dass es ganz unmöglich wäre, einen verachteten ungeliebten Menschen zu opfern. Die Römer nannten einen solchen verachteten Menschen, den man zwar jederzeit töten, aber keinesfalls opfern konnte, „homo sacer“. Es war dieses nackte elende Leben, vor dem sich Götter und Menschen ekelten. Was dieses nackte Leben zugleich heiligte, war das Grauen, das unsere Vorfahren vor diesem ungebundenen nackten Leben zurückweichen ließ. Der homo sacer, dieses ungebundene, elende, nackte Leben, war eine seltene Ausnahme. Ein Mensch in einem Ausnahmezustand. Es spricht vieles dafür, dass dieses nackte Leben heute auf den ganz gewöhnlichen Stadtbewohner als Verbraucher zutrifft. Mit der Umwertung aller Werte durch die Priester des JAHWE-Kultes wurde dieses nackte, zwanglose, ungebundene Leben zum Ideal erhoben und mit Einführung der Menschenrechte unter heiligen Schutz gestellt. Mehr denn je ist dieses Leben dem Ekel ausgesetzt.
Doch mit der Fälschung des Wortes Freiheit, die nun dieses ungezwungene, ungebundene, also nackte Leben anpreist und nach Belieben mit Masken, d.i. die Auszeichnung als Person, versieht, durch die dieses Leben voller Stolz blinzelt und sie herausputzt als einzige Bindung, von der er nicht lassen kann, weil ihm eben jene Maske wie sein Eigenstes, ja, seine unbezweifelbare Wahrheit erscheint, erreicht das JAHWE-Projekt weltweit noch immer wachsenden Erfolg und erscheint heute mehr denn je als unbezwingbarer Moloch, der in absehbarer Zeit alle Völker vernichtet und alles menschliche Leben ins nackte Elend zerstreut haben könnte.

Zwar finden wir in der uns von unseren Vorfahren überlieferten Sprache genug Hinweise, die eine stärkende Rückbindung, ja – eine erneute Umwertung aller Werte – als Möglichkeit aufzeigt, allein: von der Umklammerung unserer „Freiheit“ und unseres heiligen Ichs müssten wir wohl ablassen und uns dem immer noch Hörbaren Unerhörtem hörig hingeben. Doch selbst jene wenigen, die wie Sartre immerhin die Ekelhaftigkeit der „Freiheit“ aufspürten, warnten nur noch um so lauter vor dem Sprung in die hörige Abhängigkeit, verurteilten nur noch entschiedener den Zwang, der wieder in ein geschicktes Leben einbinden könnte. Zwang, wiederum in überlieferter Bedeutung bezeichnet nämlich den Vorgang von Zusammen -ziehen, -reissen, bzw. -drücken. Dabei ist die Vorstellung von fremden Zwang, vor dem die Verbannten ja regelmäßig die Flucht ergreifen, als sei ihr heiliges nacktes Leben in der größten Gefahr unterzugehen, ganz unsinnig, denn fremd ist abgeleitet von „lat.: fremidi“ mit der Bedeutung „von … weg bewegen“.

Dies ist bedeutsam für das Verständnis des Menschenopfers, das Historiker in ein freiwilliges und ein erzwungenes unterteilen – und damit in oft durchaus um Verständnis bemühter Herangehensweise völlig verfehlen das Wesen des Opfers, der Freiheit, der Ekstase, ja überhaupt – das ryhtmisch pulsierende Leben.
Die listige Rhetorik, die dem Zwang das Attribut „fremd“ anzaubert, treibt die Maskenträger nur noch heftiger in die Verbannung des nackten zwanglosen Lebens, in ihre „Selbstverwirklichung“ zurück, ja, lässt die Leere der Vernichtung, auf die sie doch nur zurennen, wie ihren heiligsten Zufluchtsort erscheinen.

Sie müssen dies alles verfehlen, weil sie unter der Herrschaft des Molochs, das ist der „Geist als Widersacher des Lebens“ (Klages), denken und leiden. Dieser Geist zeigt sich, wie Martin Buber ganz zutreffend das feindliche Projekt benennt, in den Grundworten Ich und Du. Darauf kommen wir noch zurück

An dieser Stelle soll zunächst der unmögliche Versuch nicht ausbleiben, die nachvollziehbare Begründung für die ja wohl für jeden Christenmenschen – und das schließt den Atheisten als dessen entwickeltste Form mit ein – ganz unmöglichen Aussagen, zu liefern. Bildet doch die Unterscheidung von „Ich und Nicht-Ich“ das erste Gebot des Geistes, dem sie unterworfen sind. Es lautet: Ich bin der Gott, der dich aus der Sklaverei befreit hat!

Von allen heidnischen Bildern gelöst und deshalb erst vom entwickeltsten Christen: dem ganz gemeinen Atheisten annehmbar, bedeutet dieses Gebot: Ich ist der Gott! Aber nicht das „Ich“, dass ich habe, ist der Gott, sondern das bildlose „Ich bin der Ich bin“, erlöst vom Zwang, von der Bindung.

So sehr auch im herrschenden Denken Zwanglosigkeit mit Annehmlichkeit in Eins gesetzt wird, deutet dennoch alles Nehmen in die entgegengesetzte Richtung des Greifens, Fassens, Haltens. Das Zusammenhalten entspricht semantisch durchaus dem Zwang, der Bindung.

Für den Leser, der sich bisher niemals für einige Stunden einem etymologischen Wörterbuch überlassen hat, müssen schon unsere rein lexikalischen Ausführungen unglaubhaft und schockierend sein. „Freiheit ist Zwang“ – das klingt wie „Wahrheit ist Lüge“, wie das berühmte „Neusprech“ aus Orwells 1984. Nun, – allerdings ist der Ausdruck „Neusprech“ hier nicht verfehlt. Nur, dass diese Sprachverwirrung nicht 1984, sondern bereits über 1000 Jahre früher eingesetzt hat und mit der Christianisierung im engsten Zusammenhang steht

Von der Wahrheit einiger unserer Ausführungen kann sich der aufgeklärte Christenmensch also schon mit (im Vergleich zum Überraschungseffekt von wohl „kopernikanischen Ausmaßen“) ganz geringem Aufwand, schnell ein eigenes Bild machen – vorausgesetzt, er sträubt sich nicht, wie die heute so hochmütig verlachten Kirchenväter, lange vor dem Start der Aufklärung genannten größten Vernichtungsschlacht, die die Menschheit je erlebt hat und noch immer erleidet (ohne sie freilich als solche zu bemerken…) einen kleinen Blick zu riskieren, der allerdings die gleiche Folge haben könnte, wie damals die Entdeckung der Jupitermonde: den völligen Zusammenbruch des vertrauten Welt-„Bildes“ das dann als rein geistiges Gebilde, das es in Wahrheit ist, sich in Nichts auflöst .

Allein schon aus der zunächst nur sprachlichen Rückbindung befreit – befreit allerdings im überlieferten Sinn, uns das enorme Geheimnis, das uns unsere Vorfahren mit der Sprache überantworten. Denn indem wir die Sprache unserer Vorfahren hören – uns ihr und ihnen als hörig erweisen – befinden wir uns bereits in dem seelischen Bilderschauen, das Ludwig Klages Ahnendienst nennt. Ganz in Übereinstimmung mit dieser Wahrheit (auch Wahrheit in der überlieferten Bedeutung, nämlich des „liebenden Wahrens“ gemeint), nennen wir diesen Dienst Seelenbeschwörung. Beschwörung meint nämlich ein Schwer machen, ein unter Druck setzen, einen Zwang also ausüben auf die Seelen unserer Ahnen: Rückbindung meint eben nicht das scheinbar feige Anklammern an alte Gebräuche, sondern ohne Metapher das Festhalten, Umschließen, Erfassen, Bezwingen – und das ist eben zugleich, wie wir inzwischen doch bestimmt ahnen – :liebevolle Befreiung – starker und also stärkender Seelen aus der Heimatlosigkeit. Doch Bindung, die als seelsiche Bindung immer Rückbindung ist, ist in der Sprache des apokalyptischen Projekts Sklaverei: „Ich bin der Gott der dich aus der Sklaverei befreit hat!“ – Das bedeutet: das göttliche Du ist die Lösung, ist die Zukunft, ist das, was nicht zu haben ist, ist der Weg „von … weg“, nämlich von allem Es gibt (vgl. zB Levinas) weg zum offenen Wort, zum Dialog, ist also wesentlich: Fremdgehen!

Neben der Bilderfeindlichkeit ist dieses Bindungsverbot das zentrale jüdische Motiv. JAHWE wird gewöhnlich übersetzt mit „Ich bin hier“. In der Sprache aktueller „Lebensberatung“ in der Tradition von Sigmund Freud, der für viele Juden der letzte Rabbi und dessen Lehre modernster Ausdruck des Judentums ist, finden wir die treffendste Bezeichnung für diesen Geist: Hier und Jetzt.

Denn in dieser griffigen Formel finden wir gewissermaßen den zum Dialog verkürzten Dekalog. „Hier“ – damit ist keinesfalls gemeint die Besichtigung oder gar Berücksichtigung gerade dieses Ortes, dieser Landschaft, dieses Bodens, sondern die Lösung vom – Haushalt, zwar zugleich dem Ort wesentlich weiblicher Wahrheit. Macht euch die Erde untertan! Dieses Gebot zielt nicht auf das Bestellen, Kultivieren, Zerreißen, Pressen – Zwingen! – der Erde, (dies ist allerdings Vorrecht des auserwählten Volkes), sondern auf ihre „Entfernung“, das ist ihre „Vergegenwärtigung“, ihre Entwürdigung zum Schatten bei Platon und schließlich zum Konstrukt im Altfränkischen Geist der Kopernikanischen Wende. Das „Hier“ bezeichnet schließlich, besser gipfelt im starken, im virtuellen Raum digitaler Herrschaft. Und so wie das „Hier“ den Boden, den Haushalt, das Heim, zugleich die Frau, vergessen machen soll, so soll auch das „Jetzt“ lösen aus der Bindung, zwar an das Geschick! Die List dieser „Vergegenwärtigung“, gemeint ist ohne Metapher Rücksichtslosigkeit, besteht, so zeigt L. Klages, in dem Konstrukt der rein geistigen Polarität oder Teilung der Zeit in Vergangenheit und Zukunft, so dass Gegenwart zur scheinbaren Mitte wird. So entsteht die Illusion, als ob JAHWE, als ob das „Hier und Jetzt“, das „Ich bin Du“ als Widersacher des „Es gibt…“ gleichermaßen lösen würde von den Zwängen der Vergangenheit und der Zukunft.

So behauptet etwa Martin Buber, nur das Ich im Dialog mit dem „Du“ – wobei „Du“ für „JAHWE“, also für das „Hier und Jetzt“ steht – könne überhaupt in der Gegenwart sein, während das an „Es gibt…“ gebundene Ich des Materiellen immer der Vergangenheit verhaftet bleibt, sozusagen verurteilt zur „ewigen Gestrigkeit“. Doch wir können diese List sofort zweifach aufdecken: Zum Einen sind tatsächlich die Bilder, die auf uns einwirken, je schon Zeugnisse von bereits vergangenem Geschehen, allerdings geben sie uns, von Klages voller Verzückung „Eros der Ferne“ genannt, gerade unser Geschick, nehmen uns in unsere starke Freiheit, weihen uns als Krieger in das Geheimnis der Führung von Messer, Wappen und Schild ein – ferne vor diesen Bildern zu fliehen, finden wir durchaus zu mit Lebensglut überschäumender Gegenwart, nämlich eben in der Ekstase, dem Fest der Hingabe, Zerstörung, Vermählung. Zum zweiten erkennen wir leicht die Nichtigkeit der Verherrlichung des Dialoges im Hier und Jetzt, indem wir uns nun dem zuwenden, wer denn überhaupt vom Geist des „Hier und Jetzt“ angesprochen werden soll.

Die Antwort finden wir wiederum in der Übersetzung des Namens des jüdischen Geistes, JAHWE: „Ich bin da!“: Es ist das Ich, die Persönlichkeit, genauer: der Wille, der aus den Zwängen, den Bindungen an Geschick und Heim, an „Blut und Boden“ gelöst werden soll, der uns als „eigen“ und „frei“ versprochen wird, in Wahrheit aber jederzeit und leicht nach den tagesaktuellen Plänen des Molochs beliebig angepasst werden kann. . Und dieser Wille ist wesentlich – Projekt, Plan, Kalkül, ist somit ganz und gar Negation vom „Es gibt…“, dem entgegensteht das „Es sollte sein…“, des „Ich bin da!“ Die gerade in ihrem Personsein, in dem sie immer wieder ihr Eigenstes zu erkennen glauben, versklavten Selbstlinge, jagen also ihren „Visionen“ nach, und lassen sich in aller Zwanglosigkeit schlicht durch die ständige Anpreisung des Bedürfnisbefriedigung genannten Frondienstes an der Nase herumführen, wie ein Hund, dem man eine Wurst eben davor hält. Nur, dass sie gar noch diese Mechanik durchschauen und gar stolz darauf sind, selbst noch an ihrer Karriere zu basteln, einer Karriere als Schraube, als Rädchen. Pfui. Wie könnte man sich nicht vor ihnen ekeln, hat doch noch jedes Tier mehr Würde.

Der so genannte „freie Wille“ im „Hier und Jetzt“ bezeichnet also wesentlich die Bewegung des „Von … weg“, des Fremdgehens, der Absonderung, des Un-Heimlichen. Und die entgegengesetzte, die ekstatische Bewegung führt zum Geheimnis, zur Annehmlichkeit, zur Haltbarkeit.

Nun sind beide Bewegungen, so sie denn im Fall der Ekstase von Maßlosigkeit, im Fremdgehen vom Übermaß bestimmt sind, von rauschhaften Gefühlen begleitet und können in beiden Fällen von Drogen hervorgerufen, bzw. im Fall des Fremdgehens ausgelöst worden sein.

Es können auch die vernichtenden Züge des Fremdgehens leicht verwechselt werden mit dem ekstatischen Erlebnis. Nun ist aber das Fremdgehen eine suchende Bewegung. Was gesucht wird, ist das Neue. So können wir den Rausch des Fremdgehens treffend bezeichnen als Befriedigung von Neugier. Er ist abstoßend und wird so zur zwanglosen, unheimlichen Suche, zur Sucht. Doch nicht die Sucht – so sehr auch Zeichen des fremdgegangenen Individuums – ist die Lösung des letzten Menschen in die Nichtigkeit.

„Der letzte Mensch lebt am längsten…“ sagt Nietzsche bezeichnend und gibt schon damit den ausreichenden Wink, dass wir ihn wohl eher im Fitneszentrum, als bettelnd in der Einkaufsstraße finden können. Und jeder Sozialarbeiter, der sich je in Drogenberatung versucht hat, kennt die aus dem Sumpf des Scheiterns noch deutlich vernehmbare Stimme, mag sie auch das letzte Röcheln eines Sterbenden sein, mag sie sich hinter einem Hilfegeschrei zu maskieren suchen: „Ich will ja alles tun, um von den Drogen weg zu kommen“, klagt sie: „Alles, außer dem Einen – dass ich dann so leben müsste, wie du und deinesgleichen.“ Denn die Abhängigkeit von der Droge, das erkennt der Süchtige klar, ist immer noch besser, als gar keine Bindung, immer noch der Zwanglosigkeit und der „Freiheit“, der Nichtigkeit vorzuziehen.

„Ich bin da!“ sagt also der letzte Mensch, fern von Sucht und Zwang – und blinzelt. Um ihn herum scheint alles mit rechten Dingen zuzugehen. Aber die Bilder, an die er versucht, seinen Blick zu heften, bleiben ihm sonderbar fremd. „Ich bin da“ sagt er wieder. „Da – überall.“ Es gibt ihm Nichts, was da aber wohl seinen rechten Platz zu haben scheint, es bringt ihm Nichts, Es geht ihm einfach ab, eigentlich am Arsch vorbei will es ihm rutschen, doch dann sieht er endlich wieder seinen Plan.

„Es liegt alles an mir“, sagt er. Alles das, was da so fremd zu sein schien und so müde, das war seine Welt, seinem Willen, seinen Gedanken allein unterworfen. Und so sah er, wie die Welt ihm untertan war, wie Hier und Jetzt alles darauf ankam, der Welt seinen Willen aufzuzwingen. „Die Wirklichkeit ist, was ich aus ihr mache“, raunte er. Und dann: „Leben ist Willlen zur Macht! Ja. Natürlich sagte er das. Warum sollte er nicht auch Nietzsche gelesen haben? Er war stolz auf sein starkes Ich, auf seine Präsenz. „Gott ist tot“ zitierte er gern ganz leise für sich. Mit der Abwandlung machte es ihm besonders Spaß: „Und ICH habe ihn getötet.“ Er lacht über dumpfe Christen, die zur Kirche rennen. Er hat es weit gebracht. Freilich wird es nicht bis zum Sabbat reichen. Er war ja auch kein Jude und kannte sich mit dem Zeug nicht so aus.

Sabbat ist der Name für die Ruhe, die den höchsten Moment des reinen Dialogs als Triumpf der Zeugung über Gebären, des Geistes über die Materie, der äußersten Ferne zum ewigen Ergießen des alles Rechnen überschwemmenden Flusses der aus furchtbaren Vergangenheiten hervordrängenden Bilder feiert; Sabbat ist wesentlich: Die zum Schweigen gebrachten Bilder, das Totschweigen der Welt, die Feier des „Ich bin Da“ im Dialog mit dem reinen Nichts.

Zwischen diesem Gott des Dialogs und den Göttern des Lebens tobt ein gewaltiger, alle Menschen und die ganze Erde an den Abgrund treibender Krieg, von dem freilich die wenigsten Menschen auch nur die geringste Ahnung haben. Doch auch die Ahnungslosen sind in dem Krieg verstrickt, kämpfend und umkämpft zugleich. Der Dialog ist die vielleicht gefährlichste Waffe des Geistes im Weltkrieg gegen das Leben. Wenn Leben mit Nietzsche „Willen zur Macht“ ist, dann finden wir im „machtfreien“ Dialog eines Habermas als beinahe passgenaues Gegenstück das Projekt Lebensvernichtung.

Hier tritt an die Stelle von Geschick und Meinung = Minne = Liebe, die Herrschaft der wesentlich vernunftlosen Ratio, der berechenbaren Begründung des Satzes vom Grund: Nihil est sine ratione. Wer also glaubt, im „herrschaftsfreien Dialog“ harmlose Weltfremdheit zu entdecken, irrt: Weltfremd in schärfster Bedeutung ist das Projekt zwar, doch ist es gerade alles andere als harmlos oder theoretisch.

Streng genommen ist die als „herrschaftsfrei“ maskierte Herrschaft und als „vernünftig“ maskierte Vernunftlosigkeit des Dialogs die Vernichtung der Theorie, zwar insofern Theorie in der griechischen Überlieferung eine feierliche Betrachtung, ein – am Fest – teilnehmendes Schauen meint. So wäre also auch die scheinbar freundliche Nähe des Geistes zur Theorie nur Trojanisches Pferd – : kennt Theorie keinen größeren Widersacher, als eben diesen Geist des Dialogs.

Am Anfang das Wort – wenn wir „Anfang“ in seiner alltäglichen Verwendung nehmen – ist dies die kürzeste Formulierung des mono- bzw. damit identisch a-theistischen Lebensvernichtungsprojekts als Satz. Am Anfang das Wort – noch kürzer als in diesem Satz finden wir den Fluch schon im Wortpaar „Heilige Schrift“ und im Wort „Satzung“.

Nihil est sine ratione – Nichts ist ohne Grund: vorbereitet wird diese Hybris bereits in der christlichen Entzauberungsformel: „In der Welt hattet ihr Angst, ich aber habe die Welt überwunden.“ Alles, was Es gibt, soll vor der Satzung, bzw. Setzung des „Ich bin schon vorher Da…!“ zurückweichen. „Wo Es war, soll Ich sein!“ lautet das von Freud eingeführte Hallali , mit dem zur fröhlichen Treibjagt auf die chthonischen Wirren des Es aufgerufen wird. Ganz zwanglos gelingt mit dieser griffigen Formel mal wieder, zur noch einmal verbesserten Kontrolle der Selbstlinge, nach bewährtem Muster,ihr Einziges und Eigenstes, ihr Ich einzuspannen.

Zwischen dem molochitischem Streben nach Weltfrieden, für diesen grausamsten aller Kriege, wie Carl Schmitt eindringlich warnt und den „Bedürfnisbefriedigung“ genannten Sklavendienst der letzten Menschen, der nun gelernt hat, ganz selbständig sogar noch die chthonischen Verführungen, die ihm vor einer Generation noch den Schlaf raubten,in die Kontrolle „seines“ Ich zu integrieren. So schafft er sich seinen kleinen Weltfrieden, stets eifrig bemüht, den Einflussbereich seines heiliges Ichs über sein dunkles Es – durch geregelte Befriedigung, soweit halt notwendig und der Gesundheit nicht abträglich, stetig auszuweiten, darin den eigentlichen Sinn seines Lebens erkennend, zwar leidend, aber doch Ich-Stark! und sich nicht von den dunklen Verführungen, die zwar auch immer mehr zurückweichen, von dem Emanzipationsprojekt, nämlich seiner Selbst-Verwirklichung, abbringen zu lassen. Nur einem Herrn werde ich dienen, sagt sich so einer dann in mancher Stunde, nur meinem Ich. Dann streichelt er liebevoll seine Maske, morgen eine andere, übermorgen vielleicht wieder eine andere. Ja! Sein Ich ist flexibel. Er ist ja für neue Erkenntnisse offen. Er ist nicht so ein ewig Gestriger, er kann noch mit der Jugend und mit jeder Mode mithalten. „Gehorsam verboten“ liest er im Vorbeigehen auf einer Ansichtskarte an einem Buchgeschäft. Hannah Arendt, steht darunter. Hhm. Der Spruch gefällt ihm.

Aber schließlich wird doch diesem „Willen zur Befriedigung“ alles Leben, das Es gibt, zur ekelhaften Absurdität. Da muss man sich abfinden. Vielleicht etwas Neues suchen? Eine neue große Liebe vielleicht? Aber alles ganz zwanglos. Oh wie grausm ihr doch seid. Wie ekelhaft doch schon eure Nahrungsaufnahme, eure Verdauung erst. Und eure Angst, zu sterben.

Doch grausam und fremd erscheint euch ja geradezu alles, was der Vernichtung noch entgegenstehen mag. Heute rufen wir Heiden, ebenso wie die Mächte des Geistes, zur Kehre auf und der Ruf mag täuschend ähnlich klingen. Doch es sind die Stimmen zweier existentiell feindlicher Mächte, die eben deshalb beinahe die selbe Sprache sprechen, sich aber einst klar gegenüberstehen werden, als die Völker der Erde gegen das Volk des Einen und Einzigen, den einen „Gott“ zu nennen, sich die Wissenden unter unseren Feinden nicht trauen. Das ist doch spannend? Wir Heiden trauen uns dagegen, unsere Lieben zu vergöttern. Und wir praktizieren geheimnisvolle Rituale. Deshalb sind wir ja auch sowohl in jüdischen, als auch in christlichen und natürlich islamischen heiligen Schriften zur Beseitigung vorgemerkt. Da regt sich keiner drüber auf. Und da wird auch nichts gestrichen. Wo kämen wir da hin, schließlich ist es doch der Wüstengott selbst, der unsere Liquidierung in Auftrag gegeben hat. Da heisst es also warten und sich solange von aufgeklärten Menschen anhören, dass wir ganz böse Nazis, Antisemitisten, Ewig Gestrige seien. Oder Spinner. Spinner, die darauf warten, wann denn ihre Liquidierung endlich mal von einem der Leser dieser heiligen Bücher mit unschlagbarer Auflage und dann noch Gottes ausdrücklicher Weisung in Angriff genommen wird. Naja. Bis es soweit ist, lassen wir uns halt einfach beschimpfen. Der Gewinner des großen Krieges, der näher rückt, steht jedenfalls schon fest: Es wird unsere Mannschaft sein: Erdmassen, Fluten, Stürme, Hitzewellen und Kälteschocks. Da werden die Jungens vom Jahwe-Kult aber Augen machen. In der Zwischenzeit baden sie halt im eigenen Pool an der Ostküste und ich in meiner Badewanne in Aachen-City. – – – Nu hörts aber auf. Das ist ja richtig schlimm, was hier zu Lesen geboten wird. So richtig antisemitischer Verschwörungskram? Kann man das denn nicht unterbinden? Ach, das war doch nur Spaß. So ein Heidenspaß halt, über den wir leider immer nur selber lachen können. Jedenfalls, solange der große Krieg noch nicht anfängt, kann sich jeder Jude, Moslem, meinetwegen Christ und – in Ausnahmefällen – sogar ein Atheist auf unsere Gastfreundschaft verlassen. Am liebsten wären uns da ja immer die Juden, von wegen der Ostküste und dem Pool. Vielleicht laden die uns dann ja auch mal ein, hofft man…

Nun mal wieder ernster: So, wie die Überschreitung im ekstatischen Fest nur im innersten Zusammenhalt, im Geheimnis des Zaubers, im ritualisierten Rausch, das Opfer vermählen, also zerstören darf, um nicht in Chaos zu versinken, kennt auch die Biopolitik, die das Fremdgehen beherrscht, ein un-heimliches, zahlreiches Aufgebot an Techniken, die in unwahrscheinlich erfolgreicher Funktionalität bisher das Projekt Ausnahme mit ungeheurem Energieaufwand in Bewegung hält und also den Ausnahme-Zustand kaum zu fürchten braucht, der zwar unausweichlich die Fratze des Souveräns sichtbar werden ließe, und damit, wenn schon nicht das Welt-Projekt gefährden, doch immerhin immense Propagandakosten bedeuten könnte. Aber imgrunde ist dieses Vernichtungsprojekt totsicher. Schon Nietzsche hat herausgefunden, wie die Geschichte funktioniert. Aber das schadet dem Projekt auch nicht weiter:

Voraussetzung und zugleich Superwaffe dieser Mächte ist stets widerwärtige Widerwärtigkeit der Wiederholung. Diesen Zauber, der – längst auf sich selbst gewendet – Entzauberung heisst, hat Nietzsche nämlich erkannt, wenn er „die Umwertung aller Werte“ fordert. Denn er formuliert hier nicht, dass einiges falsch läuft, sondern alles. Er fordert nicht, einiges zu ändern, sondern den Fluch der Wiederholung der widerwärtigen Widerwart zu überspringen. Dies scheint bei Nietzsche auf ein Projekt, auf die Ersetzung oder den Übersprung vom „Letzten Menschen“ zum „Übermenschen“ zu zielen. Entsprechend scheint auch die „Umwertung aller Werte“ eine Konstruktion zu erfordern. Oder es müsse in einem Reinigungsprozess zunächst alles, was irgendwie an die Werte der christlichen Sklavenmoral erinnert, vernichtet, also entwertet werden, so dass die Wüste des Nihilismus wie ein Übergangsstadium zu einer besseren Welt erscheint, notwendig wie bei Marx die „Diktatur des Proletariats“.

Doch die wiederwärtigen Werte haben bei Nietzsche einen Anfang gefunden, in der Macht des Feindes, das ist ein böser Geist, zwar in die Welt gekommen aus der Macht materieller Ohnmacht, die Nietzsche im jüdischen Priester eindeutiger adressiert, als Klages, der dunkel von einem „außerirdischen Geist“ als Widersacher des Lebens spricht. [vgl. Nietzsche: Zur Genealogie der Moral 1-10]

Allein – Nietzsche und Klages hassen den selben Geist und die Benennung als „außerirdisch“ ist eine vorsichtige Verortung des Molochs, der sich selbst seit der Kriegserklärung am Sinai und bis heute als Feind des Irdischen zu erkennen gibt. Das Bilderverbot richtet sich gegen die Verführung durch die „Mischgötzen“ genannten rythmischen zyklischen Lebenskräfte.

Die Einführung des Monotheismus ist noch vor allem weiteren die Einführung von – Eindeutigkeit! Aus der Logik des Aristoteles spricht, will sie mehr sein als ein – zwar alles andere als harmloses – Spiel, der selbe weltfremde Geist, wie er von allen Atheisten, vom Juden überm Christen bis zum „letzten Menschen“ angebetet wird. „Am Anfang das Wort“ können wir jetzt lesen als: „Am Anfang – Unterscheidung.“ Aus diesem Satz folgt erst als Fortsetzung die Unterscheidung zwischen Gut und Böse, auch etwa eine für den jüdischen Bund ganz wichtige Unterscheidung: den Sabbat, dessen andere Seite mit dem Namen „Ausbeutung“ nicht treffender zu bezeichnen ist. Auch die Gegensatzbildung von Leben und Tod gehört zum Kanon der in Wahrheit lebensfeindlichen Grund-sätze.

Aber ist dann nicht auch die hier vorgenommene Gegenüberstellung von Fremdgehen und Ekstase eine derartige binäre Verführung, die doch eigentlich auch wieder nur mit „Gut und Böse“ – quasi mit vertauschten Vorzeichen operiert? Von der Antwort auf diese Frage hängt viel ab. Dies wusste auch Nietzsche, der den ersten Satz seiner Schrift „Jenseits von Gut und Böse“ mit den (aus dem Gedächtnis zitierten) Worten beginnen lässt: „Gesetzt, dass die Wahrheit ein Weib ist“. Und in einem anderen Text vermutet er: „Vielleicht ist die Wahrheit ein Weib, das Gründe hat, ihre Gründe zu verbergen…“.

Wir wollen es noch anders angehen und statt „die“ Wahrheit durch eine in den Schmutz ziehende Kritik für das Leben zu retten, ihr als radikale Feindin unsere Meinung entgegen trotzen. Gegen die begründbare Unterscheidung erleben wir Vernunft als Ereignis zwischen Verführung und Hingabe. Und so sträuben wir uns mit aller Macht gegen die Vormacht der Ratio, wenn wir wie als lebensfeindlich aufspüren, wohlwisend, dass unsere Meinung keiner „Wahrheits“-Prüfung standzuhalten vermag, ebenso wie sich unsere Gründe jeder Begründung wesentlich entziehen. Denn mit der Begründung schiebt sich die Schuldfrage lebenszersetzend in die Ereignisse und verzaubert sie zu Tatbeständen:

Ein Tier töten und verspeisen, in eine Frau mit verbaler Zustimmung, in eine weitere nur aufgrund ihrer verführerischen Ausstrahlung einzudringen oder einfach nur einen Acker umzupflügen – in allen vier genannte Ereignissen wird in die chthonische Ordnung frevelnd eingegriffen, zwar derart, dass für jeden Heiden ohne Zweifel diese Störung eine Entsühnung, etwa durch ein Opfer, erfordert. Dagegen kennt der a- bzw. mono-theistische Anspruch hier überhaupt nur einen Sachverhalt, der dafür allerdings mit schärfster Verurteilung als „böse Tat“, als „Sünde“, bzw. ihrer sekulären Schwester: „Strafe forderndes Verbrechen“ zu rechnen hätte: nämlich als schuldhafte Mißachtung des Satzes vom Grund, der im Fall es erzwungenen Beischlafes, die verführerische Ausstrahlung, da keinesfalls als ebensolcher Zwang und damit potenziell hinreichender Grund – nicht gelten lässt. Dieses Beispiel des noch jungen Projekts „sexuell correctnes“ zeigt die fortgeschrittene Bilderfeindlichkeit der westlichen Gesellschaften gegenüber den hier bewusst Entwicklungsländer genannten islamisch geprägten Völkern: der Schleier zeigt an, dass hier noch gekämpft wird, während in westlichen Gesellschaften nicht die Bilderfeindlichkeit, sondern die Bilder selbst überwunden und, wo nicht vernichtet, an den Moloch versklavt wurden. Jedenfalls scheint es so…

Wie dem auch sei: Der Ausflug in die christlich/islamischen Flügelkämpfe soll vorbereiten auf die Beantwortung der Frage nach unserer Kritik an der Unterscheidung, die wir selbst treffen, wenn wir hier Ekstase und Fremdgehen vergleichen: Nicht Gegensätze stellen wir auf, sondern von Bildern wollen wir uns beeindrucken lassen.

Dabei ist jedes Bild, das wir erleben, Ergebnis von Zwang, Ereignis von Meinung, Verführung, Geschick: ein Auf- oder Einschnitt. Jedes Bild spricht Bände! Bände der Zerstörung, die jede Zuwendung an Schmerz bindet und Lust.

Und jedes Sprechen ist – paradoxe Ent-sprechung, Abwendung, Entbindung, Fremdgehen, Vernichtung. Das Leiden der Verelendung wartet auf alle, die sich vom Schmerz zu entbinden suchen.

© text by Klaus Heck

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